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Fabelhafte Geschichtsstunde

Es ist schon wieder Samstag und an diesem Tag stehen die Maschinen in Nepal größtenteils still. Die Jugendlichen haben frei und somit ruhen ab dem Nachmittag auch die Werkzeuge der teamtischers.

Eine sehr gute Möglichkeit für die neuen Drei, die Jugendlichen bei einem gemeinsamen Ausflug besser kennenzulernen.

Spitznamen haben sie auch schon bekommen, was ja immer ein gutes Zeichen der Annäherung ist.

Stephan heißt jetzt Katman, die nepalesische Übersetzung für Holzmann. Bernd ist Biju, die Kurzform von Bijuli – Elektrizität. Björn wird nun Jyala gerufen. Das Wort für Vulkan, da sich Björn für die Nepalis wie burn (brennen) anhört. Und Martin wurde schließlich in Master Mountain umgetauft. Aneinandergereiht liest sich das ganze dann, wie die Allianz der verschollenen Marvel Superhelden.

gruppenausflug 2Und mit dieser Gruppe Supertrooper und allen Jugendlichen geht’s heute in den Zoo und ins Kino.

Der Zoo stellt sich als ziemlich trostlos und dreckig heraus. Daher erinnere ich mich noch mal an den heutigen Morgen, während ich dem Rhinozeros tief in die Augen schaue. Mit Katman als Padawan im Gepäck, führt uns die Strecke heute nach Chubhar. Wenn man so will, das letzte unentdeckte Juwel der umliegenden Laufrouten. Danach haben wir erstmal alles gesehen, sagt Udip. Nach zwei Wochen in Nepal wage ich allerdings zu bezweifeln, dass das überhaupt jemals möglich sein kann.

elefantensteinAuf diesem Weg gibt es einige Stationen über die es auf historisch-sagenhafte Weise zu berichten gibt. Und wie immer werden uns diese Episoden vom Häuptling der Geschichten Udip ’flinke Zunge’ Bhai vorgetragen.

Das erste Märchen, oder nennen wir es um Udips Willen historische Anekdote, dreht sich um die Entstehung Kathmandus und beginnt mit den Worten „In the past times...“!

udip in chubharSie handelt von König ’Manju Shree’. Er stand seinerzeit auf den Hügeln um Kathmandu und befahl, dieses Tal trocken zu legen. Umgeben von unüberwindbaren Felswänden war dieses Tal ein einziger riesiger See. Er ließ seine Männer eine enorme Spalte in den Fels hauen, damit all das Wasser abfließen konnte. Dort wo früher ein See war, errichtete er nun eine Stadt. Und dort wo früher ein massiver Berg das Wasser zurückhielt, findet man nun eine Schlucht.

Nepal strahlt, besonders wenn man sich fernab vom Großstadttrubel bewegt, größtenteils etwas sehr Mystisches aus. Und wenn man dann vor der besagten Felsspalte steht, ist man gewillt solche Geschichten anzunehmen und zu glauben.

Sie gehören zu diesem Land dazu und machen es ein großes Stück weit aus, weshalb Udip diese Anekdoten auch lieber als geschichtlich wertvolles Informationsgut, als unter der Bezeichnung Märchen vorträgt. Und bereits nach den ersten fünf Minuten hat er uns. Jetzt wollen wir mehr hören und er kramt als nächstes die Geschichte des ’Tal Bharahi’ Tempels in Pokhara hervor.

Jene soll sich seinerzeit ähnlich abgespielt haben, nur komplett anders. Statt alles trocken zu legen, hatten am Ende alle nasse Füße.

PHEWA SEE INSEL„In the past times...“ ging ein alter Mann durch die Gassen des damaligen Pokhara. Er klopfte an jeder Tür und bat um etwas Essen. Er wurde aber überall abgewiesen, egal wie sehr er auch flehte. Schließlich erreichte er auf einer kleinen Anhöhe das letzte Haus im Dorf. Eine ärmliche Hütte, die das Heim eines alten Ehepaares war. Sie besaßen nur das Nötigste und hatten selber gerade genug zu essen, um den größten Hunger zu bekämpfen. Dennoch nahmen sie den alten Mann auf und gaben ihm Reis sowie einen Platz zum Schlafen. Unendlich dankbar legte er sich auf sein Nachtlager und bat die Eheleute, bis zum kommenden Morgen das Haus nicht zu verlassen. So taten sie. Und als sie zum Sonnenaufgang erwachten, war der alte Mann verschwunden. Als sie die Tür öffneten, sahen sie, dass das ganze Dorf geflutet worden war. Dank seiner höheren Lage, stand ihr Haus sicher und sie hatten als Einzige überlebt.

Der alte Mann war Shiva, der die Menschen seinerzeit auf die Probe stellte. Um ihm zu Gedenken und ein Mahnmal zu setzen, steht heute an dieser Stelle, auf einer Insel, ein Tempel. Und wo früher das Dorf war, liegt heute im Schatten der Berge der Phewa See.

eingang zum tunnelUnd nach diesem Trocken-Nass-Duo, kriegen wir noch eine Hell-Dunkel-Kombination an Geschichten serviert. Einige Meter von der Schlucht in Chubhar entfernt, ragt ein unscheinbarer, vergitterter Eingang zu einem Tunnel leicht aus der Wand und Udip beginnt auf ein Neues: „In the past times...“  gab es einen Mönch, der sehr fromm war. Dieser lebte mit seinem Sohn in den Bergen um Kathmandu. Jeden Tag durchquerte er den Tunnel durch den Berg, in dessen Mitte ein Gott saß. Um seine Gunst zu erlangen, erfüllte er ihm jeden Tag kleine Wünsche und brachte ihm Opfergaben dar.

Eines Tages allerdings erbat der Gott als Prüfung seines Glaubens einen größeren Beweis. Er verlangte als Opfer das erste Leben, welches nach dem Mönch den Tunnel durchqueren würde. Der Mönch willigte aufgrund seines großen Glaubens ein, aber wusste nicht, dass ihm an diesem Morgen sein kleiner Sohn gefolgt war.

So steht es geschrieben und bis in die heutige Zeit ist es den Gläubigen deshalb verboten, sich beim Durchqueren des Tunnels umzudrehen.

Waffentempel 1ährend ich hier sitze und Udip’s Geschichten niederschreibe, fällt mir die unglückliche Wahl der Reihenfolge auf. Hätte ich mal besser die erste Anekdote an den Schluss gepackt, damit wir mit etwas Positivem hätten abschließen können, wo niemand stirbt.

Aber jetzt ist es zu spät und wenigstens ist nun jeder vorgewarnt. Und abgesehen davon, geht’s diesmal glücklicherweise um natürliche Todesursachen.

„Iaffentempel 2n the past times...“ kam ein Mönch nach Kathmandu, dass König ’Manju Shree’ gerade erbaut hatte. Er stieg zur Mittagszeit auf einen Hügel und pflanzte am höchsten Punkt einen Lotussamen. Als sich der König viele Jahre später zum Sterben auf diesem niederlegte, verschmolzen seine Haare mit der Erde und es wuchsen Bäume daraus. Die Läuse in seinem Haar verwandelten sich in Affen und an dieser Stelle steht heute der ’Swayambunath’ Tempel, der auch als Affentempel bekannt ist.

kind starrt mich anUnd schließlich schließt mein Gehirn, dank der Affen, die Lücke zwischen meinen Gedanken und der Realität. Als ich mit einem Augenzwinkern plötzlich wieder im Zoo bin, bemerke ich, dass das Nashorn sich gelangweilt abgewandt hat und nun nur noch kontinuierlich kauend da steht. Dafür hat mich ein kleines Mädchen wohl als noch interessanter, als das massive gepanzerte Tier befunden und starrt den großen, weißen, kurz weggetretenen Mann an.

Die letzte Geschichte spielt sich heute in 3D ab und wird nicht von Udip erzählt. Nach dem Zoo treibt es uns ins Kino und wir fügen uns dem einzigen englischsprachigen Film, der in ganz Kathmandu vorgeführt wird. G.I. Joe - Die Handlung dieser Geschichte spare ich mir allerdings, da sie noch weniger Inhalt hat, als die Straßenverkehrsordnung von Kathmandu.

kinoDas einzig Interessante ist, dass wenige der Jugendlichen bereits im Kino waren und niemand jemals zuvor eine 3D-Brille aufhatte. Es ist schön, bei solchen Premieren dabei zu sein und diese gemeinsam zu erleben.

Das ist unsere Geschichte, die wir später erzählen können. Hier gewesen zu sein und all das erlebt zu haben.

Vielleicht wird sich auch das im Nachhinein unglaublich anhören, obwohl es alles so passiert ist.