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Lieber Pferdefeste, als Pferdestärken

Touristisch hin oder her, auch in Pokhara gibt es die alltäglichen Stromabschaltungen. Deswegen muss man morgens erst einmal ein Dutzend Cafés ansteuern, bis man eins mit Generator gefunden hat, damit die Kaffeemaschine überhaupt läuft.

paperboyWir finden eins. Und auch der zweite Kaffee in Pokhara kann überzeugen. Richtig wach werde ich aber erst, als der Zeitungsjunge mir seine Zeitungsrolle vors Schienbein wirft. So richtig schön, wie schon hundert Mal in amerikanischen Filmvorspännen gesehen, dreht er seine Runde und pfeffert die Dinger gegen Scheiben, hinter Mülleimer und eben auf Menschen.

kuhIn Unwissenheit über das, was uns heute blüht, sitzen wir ganz bourgeois im Straßencafé und beobachten die Kühe, welche auch in Pokahara ’auf asphaltierten Weiden’ heimisch sind. Schön hat der To-pi bhai das gesagt, denke ich mir...überhaupt nicht schön, ist alles was folgt.

Man könnte einen eigenen Blog über die Fortbewegungsmöglichkeiten in Nepal schreiben, und dem ganzen einen coolen Namen geben. Wie: ’The art of locomotion under the perspective of the local circumstances in the nepalesian present’. Aber wir haben leider keine Zeit und befassen uns daher heute mit einigen Auszügen aus dem Kapitel: ’Mikrobus – vom Ausreizen technischer Möglichkeiten bis hin zur Überstrapazierung im Hinblick auf die infrastrukturelle Rückentwicklung der Verkehrswege am Beispiel von Zentralnepal’.

mikrobusEin Flug von Kathmandu kostet ungefähr 100 Euro, deshalb entscheiden wir uns auf dem Rückweg für die 4,50 Euro Sparvariante mit dem Mikrobus. Auch um Land und Leute noch mehr zu sehen und besser zu verstehen. 95,50 Euro Differenz, die aber weiß Gott sinnvoll investiertes Geld sind.

Eine Fahrt im Mikrobus kann durchaus angenehm sein, wenn die folgenden Kriterien erfüllt sind: Man ist maximal 1,27 Meter groß, hat statt Pobacken zwei äußerst gemütliche Kissen als Hinterteil, liebt Geruchspanoramen der pikanten Art und will im nächsten Leben als Eiswürfel im Cocktailshaker wiedergeboren werden.

Was ist ein Mikrobus überhaupt? Ein 15-Sitzer in der Größe eines 9-Sitzers, in den weitaus mehr Leute passen. Theoretisch nicht - nur praktisch.

busfahrtAm offiziellen Busbahnhof gibt es links und rechts Kassen. Allerdings von zwei verschiedenen Anbietern, die direkt anfangen, ein Tauziehen mit unseren Armen zu veranstalten. Hier wird für jedes verkaufte Ticket hart gekämpft.

Die Preise sind die gleichen, aber am Ende ist es eh nur eine Frage des Glücks, ob man an einen verrückten oder einen total verrückten Fahrer gerät. Anfangs sind wir nur zu fünft im Bus, aber bereits zwei Querstraßen weiter sind 20 der 15 Plätze belegt. Und ab da geht die Party los. Leerer wird es ab jetzt nicht mehr nur noch voller.

Wir sind bestimmt nicht zart besaitet und darüber hinaus äußerst anpassungsfähig, aber die nächsten SIEBEN Stunden werden unser privates Waterloo.

Die Beine haben wir in die einzig mögliche Stellung gebracht, unsere Taschen auf uns selbst gestapelt und mit jedem Schlagloch knallt der Kopf – so sehr man es auch versucht auszugleichen – gegen die Fensterscheibe oder den Kopf des Nachbarn.

Bald schon knallt die Mittagssonne auf das Dach und heizt die Legebatterie noch mal um 5 Grad auf. Die beim Fensterverkauf erworbenen Snacks von der Straße wandeln sich nun in Gase um, denen alle Insassen freies Geleit geben und der Lautstärkeregler des CD-Players ist ungefähr 50 Prozent über dem Leistungsmaximum der Lautsprecher eingestellt. Betörende, blecherne und übersteuerte Hindiklänge zerreißen das Trommelfell. Gibt es einen Soundtrack für's Leben, dann läuft bei uns allerdings gerade 'Highway to hell'.

pause

bergstraßeAusreichend trinken ist sowieso keine gute Idee, da nur eine kurze Toilettenpause bzw. Bewegungspause eingelegt wird.

Selbst auf den seltenen komplett asphaltierten Abschnitten der Straße wird man Martini-mäßig durchgeschüttelt, da ein Mikrobus dank neuester Nepali-Technik viereckige Räder hat. Der einzige Wermutstropfen ist die streckenweise grandiose Aussicht. Auch wenn sich in diese wunderschönen Panoramen ab und zu ein umgekippter Bus schleicht, der die Straße auf unkonventionelle Weise verlassen hat.

landschaft 1 landschaft 2

Besonders gut zu sehen, wenn man mit dem Blick den Steinen folgt, die links vom Bus die Klippen runterrauschen. Schon lustig, wenn man manchmal nicht mal mehr die Kante, sondern nur noch den Abgrund sieht. Wahrscheinlich aber eher im Nachhinein, wenn man sich sicher sein kann, den Ritt überlebt zu haben.

Kurz nach der Fahrt sind alle Organe neu geordnet und die Laune ist irgendwo in Didis Kartoffelkeller. In dem Moment, wo ich diese Zeilen schreibe, haben wir es offensichtlich überstanden und in der Retrospektive wirkt so was natürlich eh immer lustig.

Aber es wäre nicht ehrlich zu sagen, dass wir währenddessen nur im Geringsten Spaß hatten.

Aber die Schlacht ist vorbei und wir haben gewonnen und ebenso verloren.

Also kann man als Fazit vermerken, dass man in diesen Bussen für einen Mikropreis, eine Makroerfahrung erhält, die aber tatsächlich als solche zu verbuchen ist und ruhig einmalig bleiben darf. Dann wirklich lieber auf Dächern von Zügen reisen.

Wir sind also wieder da. Das Hostel hat uns zurück, und nach dem Gefühl zu beurteilen, wie sehr wir die Menschen hier in den letzten zwei Tagen vermisst haben, wird der endgültige Abschied in zehn Tagen sehr hart werden. Aber daran denken wir jetzt noch nicht. Statt Abschied, heißt es heute erstmal ’Hallo’! Martin, Chef der teamtischer GmbH, reist heute an, um sich ein Bild davon zu machen, was seine Mannschaft hier in den letzten Tagen bewirken konnte. Und noch viel wichtiger: Um die Menschen kennenzulernen, die in diesem Projekt leben und an diesem Projekt arbeiten.

Mit traditioneller nepalesischer Blumenkette wird auch Martin gebührend am Flughafen empfangen, um dann im Hostel angekommen, direkt von Didi auf Dal Bhat Power umgestellt zu werden.

Der erste Tag ist noch Schonfrist und es bedarf eigener Erfahrungen, um zu verstehen, wie die Dinge hier laufen. Dafür sollte aber die nächsten Tage noch genug Zeit sein.

festival 1Wir beschließen den Tag heute mit ’Ghode Jetra’, einem Fest, dass um den Marktplatz in Bungmati stattfindet. Übersetzt ist es das ’Pferdefest’ und wird hauptsächlich von der Newari-Kaste gefeiert. Während an anderen Orten auch Wettkämpfe - der Thematik entsprechend – im Sprungreiten und Pferderennen ausgetragen werden, konzentrieren sich die Aktivitäten in Bungmati auf die nächtliche Prozession, bei welcher ein Götterschrein durch die schmalen Gassen bis zum Hauptplatz getragen wird.

festival 3Dies dauert für ein paar hundert Meter schon einige Stunden, da Menschen immer wieder versuchen, sich durch große Trauben zum Opferschrein durchzukämpfen, um mit Geld und Gaben wie Reis und Gemüse, die Götter wohl gesonnen zu stimmen, damit sie ihre Wünsche erfüllen.

Die restlichen Straßen der Altstadt sind unterdessen voll mit tanzenden Menschen und kleinen Musikgruppen, die mit Trommeln und Tamburinen den passenden Takt vorgeben.

festivalWir mischen uns unter das teilweise ekstatisch tanzende Volk, und gesellen uns beim ein oder anderen Tanzkreis dazu. Es wirkt ganz anders in Bungmati, als sonst zur Mittagszeit, wenn die drückende Hitze sich über die staubigen und fast leergefegten Straßen legt.

 

Die Leute tanzen und Lachen, und für einen kurzen Moment wirkt es so, als ob das hier die Realität wäre. Sie ist es gerade auch. Jedenfalls bis die Sonne morgen früh den kämpferischen Alltag zurückbringt.

Ich weiß nicht, um was für Wünsche diese Menschen ihre Götter heute angefleht haben - ob für Gesundheit, Glück oder bessere Zeiten. Ich wünsche ihnen, dass sie alle in Erfüllung gehen mögen.