Font Size

SCREEN

Layout

Cpanel

Beiträge

Stärke in Dosen oder willkommen in der Steinzeit

Stärke ist ein großes Wort. Hier in Nepal begegnen wir Stärke jeden Tag. Ob wir sie sehen, sie empfinden oder aufgetischt bekommen, in Form von Reis, Kartoffeln und Nudeln.

Aber nimmt man den Spaß beiseite, ist es so, dass die innere Stärke tatsächlich mit ihren Aufgaben wächst. Alles was uns hier begegnet, hinterlässt kleine oder große Spuren im Inneren. Es bedeutet aber nicht, dass man dadurch automatisch stärker wird, oder bestimmte Erlebnisse besser erträgt. Es löst jedoch eine Art Mechanismus aus, der Sichtweisen ändert und neue Denkanstöße gibt. Es ist wahrscheinlich nicht möglich, ein Land wie dieses zu verlassen, ohne eine Veränderung zu durchleben. Es sei denn, man ist ein Stein.

Die größte Verwirrung erzeugen hierbei wohl die Kontraste zwischen den Dingen.

So trifft hier zum Beispiel die atemberaubende Schönheit der Natur auf die extreme Armut der Menschen. Manchmal nur getrennt durch eine dünne rote Linie, die mit einem Schritt zu überqueren ist.

Wir laufen durch die Plateaufelder, während sich in unserem Nacken langsam die Sonne hinter den Bergen hochschiebt. Bhim und Udip versuchen jeden Morgen, eine andere Abzweigung zu nehmen, um uns eine gewisse visuelle Vielfalt zu bieten. Und jeden Morgen eröffnet sich uns aufs Neue eine andere kleine Welt.

morgens

Morgendliche Laufrunde, rechts im Bild Adrian Draschoff (Fotograf und Blogposter)

Wie eine Murmelbahn ziehen sich die kleinen Trampelpfade im Zickzack bergab durch die Felder und die Pflanzen streifen unsere Knöchel. Man kann sich in diesem Moment einmal um die eigene Achse drehen und sieht nichts, außer der vollen Breitseite von Mutter Natur. Soweit das Auge reicht. Und es ist tatsächlich ein seltsames und seltenes Gefühl, wenn man plötzlich bemerkt, dass sich einem ein breites Grinsen ins Gesicht geschlichen hat.

Glückselig wie Hobbits im Auenland trollen wir uns den Hügel herunter und stehen plötzlich, als wir eine mittelgroße Erhebung umlaufen, vor den Toren Isengards.

kurz vor der fabrik fabrik

Ein riesiger Backsteinturm steht rauchend in der Mitte einer künstlich erschaffenen Geröllwüste aus Ziegeln, Steinen und Dreck. Ein kleines Männchen klopft im selben Moment an die Glocke in meinem Kopf und flüstert leise „Willkommen in der Realität“.

frau in der fabrikIn diesem Moment stoppen wir und nähern uns langsam der Szenerie. Schon die erste Situation ist schwer verdaulich für einen Europäer, allerdings der Alltag dieser nepalesischen Frau, die da vor uns hockt. Es ist halb sieben am morgen und es wirkt so, als würde sie diesen schwarzen Teig aus Wasser und Tonerde schon seit Stunden kneten und in einen hölzernen Kasten drücken, um danach einen ungehärteten Ziegel aus diesem zu klopfen. Mechanisch und emotionslos mit einer Genauigkeit, die nur jemand haben kann, der diesen Vorgang seit vielen Jahren immer und immer wieder ausführt.

Daneben sitzt ihr Baby, dessen Tagesinhalt wahrscheinlich größtenteils daraus bestehen wird, die Arbeit seiner Mutter zu beobachten. Solange, bis es groß genug ist, um mit den anderen Kindern ein paar Meter weiter, die mit Backsteinen beladenen Esel und Maultiere, mit Peitschenhieben durch die Ziegelfabrik zu treiben. Einige Tage lang schon, passierten viele Schwertransporter unsere Wege. Alle überladen mit Tonnen von Ziegeln oder Steinen. Jetzt haben wir die Quelle gefunden. kinder in der fabrik

Ehrfürchtig stehen wir inmitten der verstaubten Produktionsfläche und staunen über das, was um uns herum passiert. Um uns herum, dutzende der besagten Kinder, die noch mehr Esel vor sich hertreiben. Heftiger und brutaler als sonst, sagt Bhim „Sie wollen euch beeindrucken und zeigen, wie stark sie sind“.

Ziegelmauern stecken eine Art von Grundstücken ab, in der jede Familie in der Fabrik lebt, um zu arbeiten. Das merken wir aber erst, als wir die winzigen Eingänge in den Mauern entdecken.

wohnung in der fabrikEine mittelalterliche kleine Welt, die von oben wie ein Meteorit wirkt, der mitten in der Natur eingeschlagen ist.

Man muss schon mehrmals schlucken, bei dem Gedanken, sich diesen Ort als Zentrum seines Lebens vorzustellen. In solchen Momenten fühlt man sich tatsächlich schwach. Unvorstellbar, die Stärke zu besitzen, um dieses Leben zu führen.

Viele solcher Momente werden in den nächsten Wochen noch folgen. Und wir werden erst dann sehen können, was sie in uns bewirken. Diesem Moment müssen wir jetzt den Rücken kehren, um unseren Alltag ebenfalls weiterzuführen.

Eigentlich besteht unsere heutige Aufgabe darin, die Werkstätten im Jugendhostel zu renovieren. Und das passiert ab 10 Uhr auch. Während zwei der großen Garagen neu gestrichen werden, beginnt Erhan in der dritten mit dem Zusägen der Überseeplatten, um daraus Tische zu bauen. Es regt sich was im Hostel und der Startschuss zum Ausbau ist gefallen.

die jungs beim streichen udip beim schleifen

Man merkt aber nicht nur im Hostel, dass etwas passiert. Anscheinend auch in der Nachbarschaft. Und so hat sich bis zum Nachmittag von der Friseuse von nebenan, bis zum Koch gegenüber, alles in den Räumlichkeiten versammelt und streicht mit, oder glänzt einfach mit sozialer Unterstützung.

hilfe von uberall

Das Interesse ist also geweckt. Bei den Jugendlichen und im Dorf. Gute Voraussetzungen für die kommenden Tage. Als die Sonne wieder hinter den Bergen verschwindet, schieben wir die Rollgitter für heute runter.

Didi, die Haushälterin, hat gerade zum Essen gerufen. Für uns das Zeichen, dass es jetzt eine Portion Stärke gibt. Wir werden sie bestimmt noch brauchen können.